Dem Neuen Ennser wuchs eine murmelgroße Talgkugel im linken Ohrläppchen, was er zum Anlass nahm, endlich das Gesundheitszentrum von Innen zu betrachten.

Als hätte es der Neue Ennser heraufbeschworen, weil er schon lange nach einem Vorwand gesucht hatte, sich das Gesundheitszentrum einmal genauer anzusehen, wuchs ihm doch tatsächlich über Nacht ein recht eigenartiges Gewächs an der Hinterseite seines Ohrläppchens heraus. Hypochondrisch, wie er ist, googelte er sich zunächst panisch durch das Internet, weil er glaubte, von der sogenannten Ohrläppchenfäule heimgesucht worden zu sein, ehe er die Nummer des Gesundheitszentrums in sein Mobiltelefon eintippte. Der Neue Ennser vernahm eine freundliche Damenstimme am anderen Ende der Leitung. „Ich würde bitte schnellstmöglich einen Termin vereinbaren“, stammelte der Neue Ennser, und wäre am liebsten sofort in seinen Wagen gesprungen, um im Wartezimmer Platz zu nehmen. Doch genau das ist es, was man im Gesundheitszentrum vermeiden will: lange Wartezeiten im Wartezimmer. Nachdem die nette Stimme wissen wollte, wo denn der Schuh drücke antwortete der Neue Ennser: „Der Schuh drückt am Ohrlappen! Er ist riesig und droht zu platzen. Ich brauche einen Chirurg!“ Die freundliche Stimme musste sich ein Lachen verkneifen und versuchte genaueres über des Neuen Ennsers Ohrläppchenproblem in Erfahrung zu bringen. Dieser schilderte bis ins kleinste Detail, Aussehen und Verhalten der Schwellung und zeigte sich erschüttert, als ihm die nette Stimme – auf Anfrage des neuen Ennsers – mitteilte, dass es nicht nötig sei, ein Bild über WhatsApp zu senden. Sie würden das Problem auch so lösen, ließ sie ihn wissen und er solle doch bitte in drei Stunden vorbeikommen.

Der Neue Ennser drehte die nächsten drei Stunden völlig am Rad und konnte nicht verstehen, warum er denn so lange zuhause warten müsse, anstelle sich im gemütlichen Wartezimmer mit den anderen „Gästen“ zu unterhalten. Immerhin hätte er gerne mit seinem riesigen Ohrläppchen angegeben. Nachdem er sich drei Stunden lang vor seinem Spiegel verrenkt hatte, um das Gewächs genauer zu betrachten, sprang er in seinen Wagen und raste zum Gesundheitszentrum. „Ich bin da, ich bin da!!!!!, brüllte er schon von weitem und saß zehn Minuten später vor seinem Hausarzt. „Das ging jetzt aber schnell“, murmelte er, ehe der Doktor sein Ohr behandelte. Und auch das war innerhalb der nächsten zehn Minuten erledigt. Der Neue Ennser zeigte sich beeindruckt, er wollte eigentlich etwas länger bleiben.

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